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18 und 19

Schon wieder ein spielfreier Tag. Zu berichten gibt es nichts wesentlich Neues, außer, dass ich fast wieder feste Nahrung zu mir nehmen kann und ein paar türkische Nachbarn mir Tee und orientalisches Gebäck vorbeigebracht haben, weil ich mir den Schriftzug „Turkey ist the best“ ins Heckfenster vom Renault geklebt habe. Da tut es doch gleich nochmal so viel weh.

Weil nicht gespielt wird, gibt es auch nur dünne Statements aus den beiden Fußballfeldlagern: bei den Deutschen ist alles gesund außer Frings, bei den Türken herrscht orientalischer Jammer über die dünne Personaldecke und natürlich gehen die Deutschen als Favorit ins Rennen, weil doch die armen Türken keine Leute und noch nicht einmal polnische Gastarbeiter im Team haben. Wir harren der Dinge, die kommen sollen.

[B]Tag 19[/B]

Ich habe heute meinen türkischen Fanstand abgebaut, auf dem Grundstück einige günstige Antipersonenmienen und etwas NATO-Draht verlegt, den Fernseher in den Keller getragen, die Türe zugenagelt und die Fenster verbarrikadiert. Wir haben Lebensmittel für 4 Wochen, unsere Wasservorräte werden sogar 6 Wochen reichen. Sollten also die Türken heute Abend gewinnen, so werden wir es hier locker aushalten können, bis die Autokorsos durch die Innenstädte etwas abgeklungen sind.

In Ascona laufen heiße Debatten, welche Taktik heute gespielt werden soll: defensiv oder feige? Unterwürfig oder gnädig? Freundlich oder schuldbewusst? Im Andenken an die Opfer von Faschismus und Gewaltherrschaft oder integrativ? Oder alles zusammen? Sicherheitshalber verpasst Löw seinen Mannen noch ein Anti-Agressionstraining. Man weiß ja nie!

Die türkische „the best“ Mannschaft hingegen zeigt sich hier weniger nachdenklich: das Motto für heute Abend ist das Gleiche wie immer. Sieg um jeden Preis, koste es, was es wolle. Eure Nation schaut auf Euch, und Ihr, oh Helden des strahlenden osmanischen Reiches, habt es in der Hand, ob sie auf Euch „herab“ oder „hinauf“ schaut. Ihr, oh Fußballer des Bosporus, seid die auserwählte Elite und der Glanz und Stolz des türkischen Volkes, Ihr seid die Söhne und Töchter von uns allen und ihr werdet die Fackel unseres Kampfgeistes gegen die deutschen Panzer heute werfen und das Unmögliche möglich machen: Ihr werdet im Angesicht Wiens heute für die Türkei siegen und unsere Überlegenheit ein- für allemal beweisen. Wenn Ihr scheiße spielt, dann könnt Ihr Euch gleich nach Deutschland absetzen und Euch beim FC Hoffenheim bewerben. Dann folgen pathetische und patriotische Ansprachen.

Derart motiviert geht es dann um 20:30 ins Stadion. Deutschland I gegen Deutschland III. Sauerkrauts gegen Döners. Mitbürger ohne türkischen Migrationshintergrund gegen Gegenbürger mit ohne deutschen Emigrationshintergrund. Bitte sagen Sie um Himmels Willen nicht „Türkei“ oder „Türken“, sprechen Sie von „bei uns lebenden Ausländern“ oder „ausländischen Mitbürgern“.

Und damit auch wirklich dem letzten Dödel klar wird, dass es nur um ein Fußballspiel geht, das selbstverständlich nichts mit Politik zu tun hat, dürfen, Novum in der Geschichte des Balltretens, Ballack und ein ausländischer Mitbürger der dritten deutschen Mannschaft vor dem Spiel ein politisch sehr korrektes Statement gegen Rassismus vorlesen. Das ist ja bei Spielen der deutschen Mannschaft eigentlich immer nötig, aber heute spielen ja sogar zwei deutsche Mannschaften gegeneinander. Mir persönlich fehlen dabei aber noch ein Bekenntnis zum Holocaust und eine Entschuldigung für sämtliche Kriege seit der Erfindung des Rades. Verdammte Schlamperei. Wenigstens traue ich mich jetzt nicht mehr, die Nationalhymne mitzusingen und rolle beschämt vor dem Fernseher mein Deutschlandfähnchen ein, während die Welt draußen in Halbmondfahnen und „Türkye Türkye“-Gebrüll versinkt.

Dann ist Anpfiff für die jetzt sehr nachdenklichen deutschen Spieler und Anstoß für die beste Mannschaft der Welt (nach England).

Deutschland I beginnt etwas zerknirscht, sehr vorsichtig, man will ja heute integrativen Fußball spielen, bloß nicht Deutschland III provozieren oder durch ein frühes Tor gar beleidigen, man kennt das ja, die werden dann ekelig, und in der 22. Minute beschließt man bei Deutschland I den ausländischen Mitbürgern ohne Migrationshintergrund mal das Ehrentor zu gönnen, Ugur macht das 1:0.

Sebastian Schweinsteiger, dem Ballack vergessen hat, zu erklären, dass Fußball ein Mannschaftssport ist, hält sich nicht an integrative Absprachen und macht nur 4 Minuten später den Ausgleich. Mist. Das wird für enttäuschte Gesichter auf der Fanmeile in Berlin sorgen, ausländische Mitbürger mit Migrationshintergrund packen ihre Kracher und Granaten vorerst wieder ein. Schweinsteiger entschuldigt sich nicht einmal für sein Tor!

Dafür nimmt man bei Deutschland I jetzt endgültig Abstand von Zweikämpfen, weil die sehr respektlos sind und die Gefühle der hier lebenden Mitbürger verletzen könnten, die bedanken sich mit einem Foul an Lahm im Mitbürgerstrafraum, das allerdings nicht gepfiffen wird, weil auch dies ehrverletzend wäre.

Kurze Zeit später greift der Schweizer Schiri dann doch nicht ohne Bedauern zu einer gelben Karte gegen einen Mitbürger, weil jener mal voller mediterraner Lebensfreude ganz kurz antestet, ob Frings bezüglich seiner gebrochenen Rippe ein Schmerzempfinden hat.

In der Folgezeit legt die deutsche Mannschaft noch den letzten Zahn weg und spielt weiterhin auf Integration. Trotzdem können auch Sie den Mitbürger Rüstü nicht daran hindern, aus dem Tor und schon mal prophylaktisch auf die Ehrenrunde zu gehen, was zu einem versehentlichen Kopfballtor von Klose führt, der sich darauf harscher Kritik von seinen Mitintegratoren ausgesetzt sieht.

Die nun folgenden Szenen werden gnädig für die Augen der Welt ausgeblendet, damit alle mal wieder runterkommen können und so bekommt Basel einen Hauch von Bern 1954, als Bela-Rethy plötzlich wie ein Radiomoderator das Spiel, oder was davon übrig ist, beschreibt.

Als die Lichter wieder angehen, beschließt Lahm gerade, seinen Fehler, fehlerlos gespielt zu haben, wieder gut zu machen und gibt Semih, dem Rippentester, freundlich die Gelegenheit, mit Hilfe von Lehmann zum 2:2 einzulochen. Türkye, Türkye. Es riecht nach Verlängerung beziehungsweise dem üblichen mitbürgerlichen „last minute“-Tor, in ganz Deutschland springen schon mal unzählige Dreier-BMW Motoren an, denn Türkei gewinne immer und Türkei is the best und scheiß auf den Eisberg, Türkei is unsinkbar, gib mal Feuerzeug für den China-Kracher, noch einmal jubeln und Deutschland III hat die Nieten, die Flaschen, den fußballerischen Abschaum, die bolzende Freakshow von Deutschland I besiegt und ihre Mutter gefickt.

Und Tor! Nur leider für die falsche Trikotfarbe. Während in Villa Antalya schon gefeiert wurde, wird in Villa Basel noch gearbeitet, denn Lahm hat sich, diesmal in voller Absicht, durch die mitbürgerlichen Spieler gefädelt und in fast allerletzter Minute das 3:2 gemacht.

Im Stadion wird es ruhig. Das war jetzt weder integrativ, noch nett, Lahm selbst ist es ja auch ein bisschen peinlich und er entschuldigt sich sofort bei den mitbürgerlichen Mitspielern und Michael Ballack, dem Löw noch während des Spiels sagte: „Esch reischt, wenn Ihr gäge die Türge nur oi Dor mehr im Elfmederschiesse machet, allesch andere würde die türgische Fäns in Deutschland nid verschtähe un demüdige müsche mir sie ja nid, au wennsch mir könnde. Ruhe im Schpiel und dohoim isch erschte Bürgerpflischt.“

Und weil Entscheidungen im „Elfmeterschießen“ als „faktisch unentschieden“ gewertet werden, hätten die Türken dann als beste Mannschaft der Welt (nach England) im Fußballfelde unbesiegt nach Hause fahren können. Lahm hat´s vermasselt, die Türken werden, wie einst, Wien nur aus der Ferne sehen. Die türkischen Fahnen werden eingerollt, die Feuerzeuge ausgemacht, die Dreier-BMW bleiben heute Nacht ebenso stehen wie 111 türkische Schafe, die bei einem türkischen Sieg von Staats wegen hätten geopfert werden sollen, der Taksim-Platz in Istanbul leert sich schneller als ein Deutschkurs in einer türkischen Volkshochschule, denn mediterran feiern heute nur Leute mit einer schwarz-weißen Trikotsicht. Entschuldigung.

Lächelnd trage ich das 3:2 in meinen „EM-Planür von Milli Görüs“ ein, nicht ohne das als Finalteilnehmer eingedruckte „Türkye“ liebevoll durchzustreichen und gegen „Deutschland“ zu ersetzen. Wir sind Vize-Europameister. Scheiß aufs Endspiel. Nochmal Entschuldigung. Ätsch.

In England überlegt man, Nelson von seiner Säule zu holen und stattdessen Gary Linecker zukünftig über den Wembley- (früher: Trafalgar-)Square gucken zu lassen.
26.6.08 18:33
 
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